Warnung vor dem Talent (1968)

Aviso sobre o talento (1968)

Siegfried Lenz

Es genügt nicht, sich zu äußern, man muß es für die andern tun. Es genügt nicht, sich selbst aufzuklären, man muß aus der Aufklärung ein Freudenfeuer machen, dessen Helligkeit von allen wahrgenommen wird. Und es genügt wohl auch nicht, zu leben ohne unablässig in andrer Leben einzugreifen - mutmachend, befehligend, zweifelweckend: dadurch erst rechtfertigt sich ein Talent, dadurch erweist es seine Nützlichkeit.

Não basta exprimirmo-nos, é preciso fazê-lo pelos outros. Não basta esclarecer-se a si mesmo; é preciso fazer do esclarecimento uma fogueira cujo brilho seja percebido por todos. E provavelmente também não basta viver sem intervir incessantemente na vida dos outros - encorajando, ordenando, induzindo à dúvida: só assim um talento se justifica, só assim prova a sua utilidade.

Die letzte Bestätigung, die letzte Weihe gewinnt ein Talent also dadurch, daß es sich zum Sprecher macht: hört auf meine Stimme, ich führe euch durchs Rote Meer. Erst wenn diese Wundertat gelingt, zumindest aber versucht wird, erhält auch Werk seine Glaubwürdigkeit, jedenfalls eine ausreichende Legitimation. Andernfalls ist es, sagen wir, Spreu im Wind.

A confirmação final, a consagração final, um talento ganha-as, portanto, ao tornar-se arauto: ouçam a minha voz, eu guiar-vos-ei através do Mar Vermelho. Só quando este milagre é alcançado, ou pelo menos tentado, é que a obra também ganha a sua credibilidade, ou pelo menos uma legitimação suficiente. Caso contrário, é, digamos, palha ao vento.

Ich gebe zu: bei allen Haltungen, die man dem Talent gegenüber einnehmen kann - sie reichen von benommener Zustimmung bis zu aggressiver Zurückweisung - ist mir eine Haltung immer problematisch vorgekommen: die gläubige. Und nicht nur dies: die gläubige Erwartung, das Talent könnte sich als Retter, als Wortführer, als Zungenlöser erweisen und die heillose Welt in einem begnadeten Kraftakt aufräumen, ist mir als das Ergebnis einer blanken Verkennung erschienen. Warum? Weil durch Kunst nichts, aber auch nichts dauerhaft gerettet wird, und weil vor allem die Psychologie des Talents uns zeigt, warum es selbst als Retter nicht in Frage kommen kann. Ich vermute, daß niemand mit so viel ironischer Verwunderung auf unseren Wunsch reagiert, das Talent zu unserem erklärten Sprecher zu machen, wie eben dieses selbst. Denn wie und wovon lebt das Talent?

Admito: de todas as atitudes que se podem tomar em relação ao talento - variando desde uma aprovação atordoada até à rejeição agressiva - sempre me pareceu problemática uma atitude: a crente. E não apenas isso: sempre me pareceu o resultado de uma pura incompreensão a expectativa crente de que o talento possa revelar-se um salvador, um arauto, aquele que desata línguas e arruma o mundo perdido graças a um golpe de força abençoado. Porquê? Porque através da arte nada, mas absolutamente nada, é salvo permanentemente, e porque, acima de tudo, a psicologia do talento nos mostra porque é que este nem como salvador pode ser considerado. Suponho que ninguém tanto como o próprio reage com espanto irónico ao nosso desejo de fazer do talento o nosso arauto esclarecido. Pois como e de quê vive o talento?

Daß es ein Fremdling in der Welt bleiben muß, wenn es sich selbst genügen will, haben uns nicht erst die Symbolisten gezeigt. Das Talent ist angewiesen auf produktive Fremdheit, auf Einsamkeit, auf trennende Asozialität, es fordert für sich sogar den ergiebigen Luxus des Parasitären, und wenn es in die Welt eingreift, dann fast nur, um sie zu verneinen. Da der bevorzugte Platz des Talents offensichtlich die Ruine ist, fehlt es ihm nie an Streichhölzern: um die Welt konsumierbar zu machen, müssen zunächst die Scheiterhaufen aufflammen. Zerstörung scheint Pflicht zu sein, und Unterminierung gehört zum alltäglichen Pensum. Ich weiß kein Talent, das eine Rache an der Welt nicht zumindest erwogen hätte - und sei es auch dadurch, daß man ihre Übel im Werk verewigte. Und ich weiß kein Talent, das keinen Richterspruch der anderen ebenso zustimmend angenommen hätte wie den eigenen Richterspruch. Es liegt auf der Hand, daß es sich daher auch keinem verantwortlich fühlt als sich selbst. Wo man seine Rechte selbst festsetzt, wünscht man auch allein zu herrschen. Schließlich, und das scheint mir erheblich, müssen wir uns eingestehen, daß die meisten Schöpfungen des Talents auf Kosten derer zustande kommen, die sie, wenn nicht genießen, so doch verzehren. Das Talent fragt ja nicht, was die Welt braucht, sondern was es selbst braucht, um die Welt ertragen zu können; insofern sind seine Werke zunächst Zeugnisse der eigenen Ungenügsamkeit.

Que tem de ser um estranho no mundo quem se quiser bastar a si mesmo, não foram os simbolistas os primeiros a mostrar-nos. O talento necessita de uma estranheza produtiva, da solidão, de uma insociabilidade isoladora, exige até mesmo, para si, o luxo proveitoso do parasita, e se interfere no mundo é quase só para o rejeitar. Como o lugar preferido do talento é obviamente a ruína, nunca carece de fósforos: para poderem consumir o mundo, as fogueiras precisam primeiro de ser acesas. A destruição parece ser um dever, e a subversão faz parte da rotina diária. Não conheço nenhum talento que não tenha, pelo menos, ponderado uma vingança contra o mundo - nem que fosse imortalizando os seus males na obra. E não conheço nenhum talento que não tenha aceitado o veredicto dos outros tanto quanto o seu próprio veredicto. É evidente que, por isso, ele também não se sente responsável perante ninguém a não ser perante si próprio. Quem define os seus próprios direitos, também deseja governar sozinho. Por fim, e isso parece-me relevante, devemos reconhecer que a maioria das criações do talento surge à custa daqueles que, se não desfrutam, pelo menos consomem. O talento não pergunta o que o mundo precisa, mas sim o que ele próprio precisa para conseguir suportar o mundo. Nesse sentido, as suas obras são, antes de mais, testemunhos da sua própria insuficiência.

Ich weiß, das hört sich so an, als wollte ich das Talent in Verruf bringen - was um so weniger notwendig ist, als es selbst unaufhörlich dafür sorgt. Denn es gibt doch wohl keine neue Schöpfung, die nicht mehr oder weniger diskret vor sich selbst warnte: wenn du mich anerkennst, wirst du unweigerlich verändert. Was indes angebracht erscheint, ist der Hinweis, daß das Talent, diese schönste Gleichgewichtsstörung der Welt, eher unser produktives Mißtrauen verdient als gläubige Unterwerfung, jedenfalls eher Skepsis als blinde Zustimmung. Es trifft wohl zu, daß das Talent unseren Glauben für sich beansprucht: es selbst aber glaubt nur an sich - das kann doch nicht folgenlos bleiben. Sollten wir immer noch fordern, daß es sich zu unserem Sprecher macht? Und sollten wir die Qualität eines Talents immer noch an seiner Bereitschaft messen, als Wortführer der Stimmlosen aufzutreten? Ich kann mir nicht helfen: in dem Versuch, alle gesammelten Hoffnungen so auf das Talent zu setzen, scheint auch der Wunsch zu stecken, sich selbst für ausgebliebene oder unterdrückte Initiative zu entlasten. Indem wir unsere Erwartungen delegieren, geben wir auch Verantwortung ab. Wir schließen die Augen, strecken ergeben die Zunge heraus und warten, daß uns das Talent die Oblate drauflegt, die fromm macht.

Eu sei que isso soa como se eu quisesse desmerecer o talento - o que é tanto menos necessário, quanto ele próprio cuida disso incessantemente. Afinal, não existe nenhuma criação nova que não avise, de forma mais ou menos discreta, sobre si mesma: 'se me aceitares, serás inevitavelmente transformado'. O que sobressai, no entanto, é que o talento – a mais bela perturbação do equilíbrio do mundo – merece mais a nossa desconfiança produtiva do que uma submissão crente, em todo caso, mais ceticismo do que concordância cega. Bem parece que o talento reivindica a nossa fé: ele no entanto só crê em si próprio - o que não deixa de ter consequências. Devemos ainda assim exigir que ele se torne nosso arauto? E devemos ainda assim medir a qualidade de um talento pela sua prontidão em falar pelos que não têm voz? Não consigo reprimir este pensamento: na tentativa de depositar todas as esperanças reunidas no talento, parece também estar escondido o desejo de auto-absolvição por uma iniciativa que faltou ou que foi reprimida. Ao delegarmos as nossas expectativas, renunciamos também à responsabilidade. Fechamos os olhos, estendemos submissos a língua e esperamos que o talento lá nos coloque a hóstia que nos fará piedosos.

Nun wissen wir alle, daß das Talent nicht als Sprecher gewählt oder berufen wird wie ein Richter; es macht sich selbst dazu. Es ist eine Ernennung aus eigenen Gnaden, sozusagen eine Alleinvertretungsanmaßung, die mit der gleichen provokanten Arglosigkeit beansprucht wird, mit der ein autoritärer Monarch göttliche Rechte für sich fordert. Wir, die Talentlosen, haben ihm jedenfalls nicht unsere Stimmen übertragen; es nimmt sie sich, um dann in unserem Namen Forderungen zu stellen, deren Konsequenzen wir vielleicht nicht einmal übersehen können. Da muß man sich doch fragen: ist das wünschenswert? Verdient das Talent denn unser absolutes Vertrauen? Und wenn uns, weil wir talentlos sind, die elementarsten Bedürfnisse bestritten werden: wird das Talent denn diese Bedürfnisse in unserem Sinn erfüllen? Ich meine: dürfen wir überhaupt voraussetzen, daß es immer zu unserem Besten handelt? Es ist doch denkbar, daß, ähnlich wie die Talentlosen, auch das Talent selbst benützt, verführt, gemietet oder erpreßt wird. In Platons Staat hätte es unter den Bajonetten der Philosophen zu leben. Andererseits ist politische Mündigkeit - und die ist ja bei allem gemeint - keineswegs nur beim Talent zu suchen; man kann sie auch in den Niederungen erwerben und einsetzen. Nein, es ist unerläßlich, ein Talent, das sich ungerufen zu unserem Sprecher macht, eher mit kritischer Aufmerksamkeit als mit stummem Einverständnis zu empfangen.

Agora, todos nós sabemos que o talento não é escolhido ou nomeado como porta-voz da mesma forma que um juiz é escolhido ou nomeado; ele próprio se assume como tal. É uma nomeação por iniciativa própria, por assim dizer, uma usurpação da representação exclusiva, reivindicada com a mesma inocência provocadora com que um monarca autoritário reclama direitos divinos para si mesmo. Nós, os desprovidos de talento, nem sequer lhe demos os nossos votos. Ele toma-os para, depois, em nosso nome, apresentar exigências cujas consequências talvez nem consigamos prever. Aí temos de nos perguntar: será isso desejável? Será que o talento merece mesmo a nossa confiança absoluta? E se, por não termos talento, nos forem negadas as necessidades mais elementares, será que o talento vai atender a estas necessidades de acordo com os nossos objetivos? Quer isto dizer: podemos sequer pressupor que ele age sempre no nosso melhor interesse? Afinal, é concebível que, assim como os sem talento, o próprio talento também seja usado, seduzido, alugado ou chantageado. Na República de Platão, ele teria que viver sob as baionetas dos filósofos. Por outro lado, a maturidade política — que é o que se pretende em todas as instâncias — não deve de forma alguma ser procurada apenas no talento; também pode ser adquirida e exercida nas esferas mais humildes. Não, é imprescindível receber com atenção crítica um talento que se faz nosso arauto sem ser chamado, em vez de com muda concordância.

Da wir aber schon auf unserem rigorosen Zweifel bestehen, haben wir kein Recht, automatisch Forderungen an das Talent zu stellen: bevor wir uns bereitfinden, dein Werk zu akzeptieren, mußt du erst einmal für die Verringerung der bestehenden Übel sorgen. Sicher, solch eine Forderung läßt sich stellen, doch wenn das Talent bedingungslos auf sie einginge, verlöre es eine entscheidende Möglichkeit: es könnte die Augenblicke nicht mehr frei bestimmen, in denen es Stellung nehmen will. Es wäre ein Oberkellner der Zeitgeschichte, von dem wir erwarten, daß er alle Bestellungen prompt ausführt, und jeder Besitzer von fünf Mark hätte obendrein das Recht, ihn zur Eile anzutreiben. Wir müssen dem Talent zugestehen - und zwar auf die Gefahr hin, von ihm enttäuscht zu werden -, daß es seine Stimme erst dann erhebt, wenn sein Zorn, sein Mitleid oder seine Zustimmung es ihm notwendig erscheinen lassen. Jeder Zwang, jede Pünktlichkeit entwertet doch nur die Stellungnahme. Kurzum, es leuchtet mir nicht ein, daß ein Talent seine Nützlichkeit erst gewinnt, wenn es als politisches Wesen funktioniert. Denn mit dem gleichen Recht könnte ich die Nützlichkeit der Architekten, der Zahnärzte, der Richter und Lehrer bezweifeln und ihnen Glaubwürdigkeit erst dann zuerkennen, wenn sie sich auf ihre Weise, in ihrem Kreis zum Sprecher machen. Ist das zulässig? Und ist das gerecht?

Mas como já insistimos na nossa dúvida rigorosa, não temos o direito de fazer exigências automáticas ao talento: antes de estarmos dispostos a aceitar a tua obra, deves primeiro providenciar a redução dos males existentes. Claro, tal exigência pode ser feita, mas se o talento cedesse a ela incondicionalmente, perderia uma oportunidade decisiva: deixaria de poder determinar livremente os momentos em que toma posição. Seria um mestre de cerimónias da história contemporânea, de quem se espera que execute prontamente todas as ordens, e qualquer um com cinco marcos teria, além disso, o direito de o apressar. Devemos conceder ao talento — mesmo correndo o risco de nos decepcionarmos com ele — que só levante a sua voz quando a raiva, a compaixão ou a aprovação lho fizerem parecer necessário. Qualquer forma de coerção, qualquer exigência de pontualidade, apenas desvalorizam a sua tomada de posição. Em suma, não consigo compreender que um talento só adquira utilidade quando funciona como um ser político. Pois, com o mesmo direito, eu poderia duvidar da utilidade dos arquitectos, dos dentistas, dos juízes e dos professores, e apenas lhes conceder credibilidade quando eles se tornassem arautos à sua maneira, no seu próprio círculo. Isso é admissível? E justo?

Freilich, das Talent äußert sich ja nicht durch alle vierundzwanzig Stunden des Tages als Talent. Wir können ihm ruhig auch allgemeine Regungen unterstellen: es liest die Zeitung, geht durch den Hyde Park, überquert eine Grenze, nebenberuflich gewissermaßen. Da kann man wider Willen zum Mitwisser werden. Und unerhörte Mitwisserschaft, glaube ich, evoziert zumindest Anteilnahme. Solch eine Anteilnahme oder handelnde Besorgtheit, die durch Mitwisserschaft nahegelegt wird, wünsche ich nicht nur - ich erwarte sie. Vom Talent erwarte ich sie allerdings nicht deswegen, weil es Farben befehligt, Wörter beherrscht, mit Meißeln den Stein überredet, überhaupt: auf seinem Feld Außerordentliches leistet, sondern weil es, wie jeder von uns, Zeitgenosse ist. Sich zur Zeitgenossenschaft zu bekennen, das heißt: von unserer Vergeßlichkeit zu reden, von unserer Schande, von dringenden Aufgaben. An diesem Gespräch können alle teilnehmen, die es wünschen. Die Stimme des Talents ist dabei nur eine Stimme unter anderen.

É claro que o talento não se manifesta como talento ao longo das vinte e quatro horas do dia. Podemos tranquilamente atribuir-lhe também impulsos comuns: ele lê o jornal, caminha pelo Hyde Park, atravessa uma fronteira, em part-time por assim dizer. Aí uma pessoa pode sem querer tornar-se cúmplice. E a cumplicidade inaudita, creio eu, evoca pelo menos empatia. Tal empatia, ou preocupação activa, próxima da cumplicidade, não a desejo apenas - espero-a. Do talento, porém, não espero isso pelo facto de ele comandar as cores, dominar as palavras, persuadir a pedra com cinzéis, enfim: por realizar feitos extraordinários na sua área, mas por ser, como todos nós, um contemporâneo. Reconhecer-se contemporâneo significa: falar do nosso esquecimento, da nossa vergonha, das tarefas urgentes. Nesta conversa podem participar todos os que o desejem. A voz do talento é então só uma entre outras.